In Gedenken an unseren kleinen Engel Dahlia-Elin

Über Trauer, Stärke, Wut, Hilflosigkeit und Suche

Wenn das eigene Kind stirbt, wenn der schlimmste aller Albträume plötzlich wahr wird und man mitten drin ist in diesem Strudel aus schrecklichen, ja erbärmlichen Gefühlen dann ist plötzlich alles anders.
Eine Freundin hat es vor einiger Zeit treffend beschrieben, sie sagte ich sei wie ein Geist umher gewandelt. Ich sei ruhig und teilnahmslos, ganz gegen meine sonstige Natur gewesen.
Ein Teil von mir hat abgeschaltet, ich war irgendwo anders, in einer Welt in der alles in Ordnung war. Man kann diese Gefühle nicht in Worte fassen, dafür gibt es einfach keine Beschreibung. Ich weiß nur das wir Menschen nicht dazu geschaffen sind unsere Kinder zu beerdigen. Es ist vergleichbar mit einem Tornado der aus dem Nichts auftaucht und dir alles entreißt was dir wichtig ist, einiges kannst du retten und fest halten, anderes ist einfach unwiederbringlich weg. Aber kurz vorher schien doch noch die Sonne, die Erde drehte sich und man war glücklich und zufrieden.

Die ersten Stunden und Tage sind so schwarz, so quälend, man hat das Gefühl durchzudrehen.
Vorher hat man sich annähernd versucht vorstellen wie schmerzhaft es wohl ist ein Kind zu verlieren. Fakt ist aber, man kann es sich nicht vorstellen, auch nicht annähernd. Man versinkt in etwas was sich Trauer nennt. Diese Trauer umhüllt jede Faser, alles ist schwarz. Wirklich alles. Man hat keine Gedanken mehr an andere Dinge, diese schwarze Trauer überdeckt alles. Man ist unfähig normale Dinge zu tun. Sei es kochen, waschen, putzen, fernsehen oder lesen. Es geht nichts, absolut gar nichts. In diesen ersten Tagen hätte ich nicht mal meine Kinder versorgen können. Dann die vielen Leute mit ihren ach so gut gemeinten, tröstenden Worten.
Ihr habt ja doch noch zwei Kinder, es war doch das Dritte, sei doch froh das sie noch nicht älter war das wäre doch viel schlimmer. Gefolgt von, es wird schon wieder und du musst stark sein. All denen die das zu uns gesagt haben und dies hier lesen möchte ich sagen (jetzt habe ich die Kraft dazu) Es ist scheiß egal wie viele Kinder wir noch haben und das es das dritte war. Genauso egal ist es wie alt sie war, sie war und ist unsere Tochter und all diese blöden Floskeln haben nicht im geringsten dazu beigetragen das wir uns besser fühlen. Im Gegenteil! Und was heißt ich muss stark sein.....gar nichts muss ich...ich bin nicht gegen einen Baum gefahren und ich habe mir auch nicht die Pulsadern aufgeschnitten (oh Gott wie oft war ich kurz davor), ich bin nicht durchgedreht und bin aus meiner Sicht auch niemandem zur Last gefallen. Stärker kann ich wirklich nicht sein. Dann gab es Menschen die mich einfach berührt haben und nichts sagten, danke, und Menschen die mich haben weinen lassen, danke, Menschen die mir geduldig zugehört haben wenn ich immer und immer wieder das Gleiche erzählt habe, danke. Kleine Gesten die mir so viel bedeutet haben.

Am 15.12. haben in Deutschland so viele Kerzen gebrannt für unsere Tochter, so viele Kerzen bei fremden Menschen die unserer Tochter gedacht haben. Es gibt immer zwei Seiten, immer.


Emotional war diese Erfahrung wie eine Berg und Tal Fahrt, man hat sich über Worte geärgert die gedankenlos geäußert wurden, die uns noch tiefer haben sinken lassen. Dann haben wir Mitgefühl, Anteilnahme und Zusammenhalt erfahren. Drei Dinge die wie wir glaubten, gar nicht existieren. Und wir haben erfahren was es bedeutet zu lieben. Was reine, tiefe und bedingungslose Liebe zu einem Kind bedeutet. Zu dieser tiefen Schwärze kam ein ganz neues Gefühl, dieses Gefühl dieser übermächtigen Liebe. Auf der einen Seite ein wundervolles Gefühl, ich trage es tief und gerne in mir, ich spüre es manchmal so stark und intensiv auf der anderen Seite merkt man was man wirklich verloren hat.

Dann bricht die Wut durch, diese schreckliche Wut über das Geschehene. Aber auf wen, das weiß man selbst nicht. Irgendjemand muss dafür doch verantwortlich sein. Als erstes gab ich mir die Schuld, vielleicht war sie nicht zufrieden mit mir als Mama, vielleicht habe ich etwas falsch gemacht und sie nicht verdient. Ich war wütend das mein Mamainstinkt es nicht gemerkt hat. Ich habe sie sehr lange angefleht mir zu vergeben was immer ich auch getan habe, und mir zu vergeben das ich nicht bei ihr war. Zwar nur ein paar Schritte entfernt aber doch so weit weg für ein kleines, sterbendes Mädchen. Noch heute bitte ich sie um Verzeihung, so schnell wird mich das wohl nicht verlassen. Alle sagen ich könne nichts dafür, ich hätte es nicht ändern können. Meine Familie, Freunde, die Kripo, die Ärzte...alle sagen das ich es nicht hätte verhindern können. Aber ich möchte es eigentlich nur von ihr hören, nur sie kann mir sagen das es nicht in meiner Macht lag.
Nicht in meiner Macht..... dieses Gefühl nichts aber auch gar nichts tun zu können ist genauso schlimm wie die schwarze Trauer. Nichts auf dieser Welt, keine Worte, keine Taten, nichts kann mir meine Tochter zurück bringen. Diese Hilflosigkeit ist schrecklich, man kann nur zusehen. Man ist der Situation vollkommen ausgeliefert und da wird einem bewusst wie klein man doch eigentlich ist. So sehr man sich bemüht, sich abrackert, sich sorgt und umsorgt......alles ist vorher bestimmt und man kann es nicht abwenden, das was einige Schicksal und andere Bestimmung nennen.

Ich begab mich auf die Suche. verschlinge Bücher und Webseiten auf der Suche nach dem Sinn...auf der Suche nach meiner Tochter. Ist man einfach nur weg wenn man Tod ist? Oder wechselt man die Daseins-Form? Gibt es sie wirklich, diese Welt wo mein Mädchen jetzt ist.
Es muss sie geben, würde es sonst einen Sinn ergeben dieses Erdenleben?

Ganz oft habe ich das Gefühl das sie bei mir ist. Manchmal ist es nur ein kurzes, warmes Gefühl im Bauch, Stolz die Mutter einer so besonderen Tochter zu sein. Manchmal ist es ein kribbeln im Nacken als würde sie hinter mir stehen, manchmal ein Geruch.

Wir befinden uns momentan in einem Zustand den man Zwischenwelt nennen kann. Man beginnt zu begreifen das es wirklich und wahrhaftig geschehen ist aber trotzdem will man es nicht wahr haben.
Wirkt man doch in einer Stunde so gefestigt und stark und plötzlich muss man über eine einsame Windel auf dem Wickeltisch bittere Tränen weinen weil man weiß das man sie nie wieder um den Popo von ihr wickeln kann. Man bricht in Tränen aus wenn man den Fön sieht weil man nie wieder ihre Haare nach dem baden fönen kann. Und der Schrank voller Kleider, die man liebevoll für sie ausgesucht hat, an dem man täglich vorbei geht und man weiß das man nie wieder etwas für sie da heraus suchen darf. Die Jacke hängt noch immer dort, sie kann sie nicht mehr anziehen. Immer wieder findet man einen Socken der nie wieder ihr Füßchen wärmen kann. Schmutziger Sabberlätzchen kann man nicht waschen weil man immer daran riechen muss, weil sie dieses Lätzchen hinterlassen hat. Der rosa geringelte Pullover mit dem Schokofleck am Armbündchen weil sie ihrem Bruder einen Schokokeks geklaut hat, liegt in meinem Bett genau wie ihr kleines Kissen auf dem ihr Köpfchen geschlafen hat.

Ihr kleines Bett steht unweit von mir, ich schaue direkt drauf. Die kleine rosa Decke hängt über der Seite, die Decke in der sie gestorben ist. Die Decke die ich jeden Abend im Arm halte. Ich sage ihr jeden Abend Gute Nacht und lasse immer die Tür ein Spalt auf...damit ich sie höre

Ich liebe dich Dahlia....wo immer du auch bist.....sei bei mir